Ein Drehbuch ist kein fertiger Film, sondern sein Fundament. Ohne diesen Bauplan gibt es keine Story – und ohne Story fehlt dem Publikum der Grund, Zeit zu investieren. Nicholas Meyer bringt es auf den Punkt:
»A screenplay is not a finished product; a novel is. A screenplay is a blueprint for something – for a building that will most likely never be built.«
Damit dein Entwurf nicht in der Schublade bleibt, sondern realisiert wird, folgen hier die wichtigsten Schritte für deine Arbeit als Drehbuchautor:
Die Vorbereitung
Das Drehbuch legt den roten Faden für die gesamte Filmproduktion fest. Es bestimmt Drehorte, Charaktere, Technik sowie Requisiten und verbindet als narratives Fundament die kreative Vision mit der Realität. Den meisten Drehbüchern geht eine Vorbereitungsphase voraus, im Werbefilm ist die Organisation aufgrund hoher Budgets und vieler Projektpartner der Schlüssel für die Risikominimierung. Ein Drehbuch entsteht daher selten rein kreativ, sondern immer im Zusammenspiel von künstlerischen, betrieblichen und organisatorischen Faktoren.
Um diese Vision Realität werden zu lassen, müssen zunächst grundlegende Fragen auf der betrieblichen Seite geklärt werden:
Die betriebliche Perspektive
Aus betrieblicher Sicht stellt sich zunächst die Frage nach den verfügbaren Voraussetzungen und Ressourcen. Dazu gehören finanzielle Mittel, technische Ausstattung, verfügbare Drehorte, Personal sowie zeitliche Rahmenbedingungen. Ebenso spielen Projektpartner, Kunden und andere Stakeholder eine wichtige Rolle, da sie häufig Anforderungen an Inhalt, Botschaft oder Umsetzung haben und damit den Rahmen vorgeben.
Diese Rahmenbedingungen haben direkten Einfluss auf das Drehbuch. Eine aufwendige Action-Sequenz mag aus kreativer Sicht reizvoll sein, kann jedoch an Budgetgrenzen scheitern. Ebenso können Partnerschaften oder Markenrichtlinien bestimmte Inhalte vorgeben oder ausschließen. Das Drehbuch muss daher nicht nur eine gute Geschichte erzählen, sondern auch innerhalb der vorhandenen Ressourcen realisierbar sein. Die kreative Entwicklung erfolgt somit stets im Spannungsfeld zwischen erzählerischen Möglichkeiten und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Überblick organisatorische Fragen:
- Wer macht mit (das Team)?
- Welchen zeitlichen Rahmen gibt es für den Film (Wochen, Monate, Jahre…)?
- Wer könnte uns (professionell) unterstützen (externe Profis)?
- Welche Ressourcen stehen zur Verfügung (technisches Equipment, Personen, Finanzmittel…)
- Wo wird der Film gezeigt (Social Media, große Leinwand, TV, drinnen/draußen)?
- Wen wollen wir damit erreichen, wer ist die Zielgruppe (Privatleute, Geschäftsleute, Altersgruppe, soziales Umfeld…)?
Das Drehbuch schreiben
Sind alle (oder die meisten) Fragen geklärt, ist es nun an der Zeit sich an den Inhalt der Geschichte des Werbefilms zu wagen. Die Schritte ein Drehbuch zu entwickeln sind dafür meist Folgende:
1. Ideenfindung: Ideen lassen sich aus unterschiedlichen Quellen sammeln: Internetrecherche, abgeschlossene Projekte anderer Leute, das eigene Leben, das Leben anderer, das Beobachten der Umwelt, Bücher, Filme, Serien, Videospiele oder die Morgenroutine deines Onkels. Alles und jede/r kann im richtigen Moment zu einer Idee werden, es lohnt sich die Augen offenzuhalten und über seinen Tellerrand hinauszuschauen. Brainstorming und die Nominale Gruppentechnik (NGT) helfen den Wust an Ideen zu sortieren und daraus nachhaltig ein Konzept für ein Drehbuch zu entwickeln.
2. Konzept: Im Konzept wird das Drehbuch aus erzählerischer Sicht entwickelt, Ideen strukturiert, Hauptfiguren etabliert und die Geschichte mit Anfang, Ende und dem abgesteckt. Am Ende ist das Konzept eine Kurzbeschreibung dessen, was das Drehbuch an Handlung und Emotionen bietet. Sobald diese Struktur steht, kann das Konzept ausgearbeitet und als Drehbuch verschriftlicht werden. Überarbeitungen erfolgen in Korrekturschleifen so häufig bis alle Parteien zufrieden sind. im Anschluss beginnt die Filmproduktion.
3. Logline: Ein bis zwei Sätze, die das Kernkonzept und die Handlung eines Drehbuchs zusammenfassen und dem Leser sofort vermitteln, welche Geschichte und Emotionen ihn erwarten. Beispiel Star Wars (1977):
Als die Heimat eines einfachen Bauernjungen von imperialen Truppen zerstört wird, schließt er sich einem alten Jedi-Ritter, einem arroganten Schmuggler und zwei Droiden an, um eine Prinzessin zu retten und die Galaxis vor der ultimativen Waffe des bösen Imperiums zu bewahren.
Die Logline kann auch als Elevator Pitch gesehen werden. Bedeutet: wenn Du mit einer anderen Person den Aufzug teilst, muss dein Gegenüber am Ende der kurzen Fahrt Interesse zeigen und ein klares Bild deiner Story im Kopf haben. Mit der Logline überzeugst du Bekannte, Freunde, Fremde und im bestenfalls irgendwann auch deinen Projektpartner.
4. Structure: Danach entwickelst Du eine Struktur (Structure), in der die Handlung in ihre wesentlichen Bestandteile gegliedert wird. Wenn diese Grundlage steht, kannst du das eigentliche Drehbuch endlich ausarbeiten. (Einwurf: Die Structure dient als Blaupause, je nach Person kann sich der Workflow natürlich unterscheiden.)
5. Das Drehbuch (Skript) schreiben: Mehr gibt es nicht zu sagen, wie das Drehbuch aufgebaut wird siehst Du unten.
6. Feedback & Überarbeitung: Ist der erste Wurf geschafft, kommt es im Prozess häufiger zu Feedbackschleifen mit Projektpartnern, Kunden oder anderen Beteiligten. Damit kann sich das Drehbuch gerne Mal noch ein gutes Stück durch kleinere Anpassungen oder ganze Rewrites ändern. Von Inhalt bis Struktur kann alles auf den Tisch kommen. Iterativ geht es voran, bis ein fertiges Drehbuch entsteht, das kreative Anforderungen mit den betriebliche Rahmenbedingungen abgleicht.
Überblick inhaltliche Fragen:
- Worum soll es in dem Film / der Videoproduktion gehen (Produkt, Genre, Format)?
- Was ist die Aussage des Films (Reale Erlebnisse, Philosophie, Gefühle)?
- Welche Art Film soll es überhaupt werden (Imagefilm/Werbefilm, fiktionaler Realfilm, Dokumentarfilm…)?
Bonuspunkte:
Anbei einige Zusätze, die Einfluss auf das Drehbuchschreiben haben:
- Schreibstile:
Es gibt viele Arten ein Drehbuch zu schreiben, zwei Herangehensweisen sind hier die prominentesten:
- Das Discovery Writing, bei dem die Geschichte während des Schreibprozesses entsteht und sich die Handlung oft erst nach und nach entwickelt.
- Das Planned Writing, bei dem die Geschichte bereits vor dem eigentlichen Schreiben detailliert geplant und ausgearbeitet wurde.
In der Praxis bewegen sich die meisten Projekte zwischen diesen beiden Extremen, in der Werbefilmproduktion tendieren sie durch die Erwartungshaltung mehrerer Stakeholder eher zum Planned Writing.
- Charaktere:
Merk Dir den Satz: „It’s all about the characters!“ Weil es stimmt. Alles hängt an den Charakteren, egal welche Art von Drehbuch und Film, ohne Charaktere existiert keine Geschichte. Gerade bei Werbefilmen zählen Emotionen vor der eigentlichen Handlung und Emotionen lassen sich nur über Charaktere transportieren. Einen wunderschöner Drohnenshot von der Umgebung trägt keine Wirkung, wenn er keinen Bezug zu einem Charakter herstellt mit dem die Zuschauer sympathisieren können. Ein Charakter muss dabei nicht zwingend eine Person oder Mensch sein, von Tieren über Gegenstände ist alles möglich, solange sich Bezugspunkte zu diesen Charakteren schaffen lassen (z.B. ein Stein mit Glubschaugen oder eine Katze, die ein Schiff durch eine überflutete Welt manövriert).
Keine Story ohne Charaktere. Sie sind das Herzstück von jedem Drehbuch. Besonders im Werbefilm, wo Emotionen die Botschaft transportieren. Emotionen brauchen Gesichter. Ein wunderschöner Drohnenflug kann das nicht ersetzen, wenn das Publikum keine Figur hat, mit der es mitfühlen kann. Wichtig: Ein Charakter muss kein Mensch sein, alles ist erlaubt! Von einer Katze, einem Boot mit Kulleraugen oder der Natur ist alles möglich, solange Du emotionale Bezugspunkte zu ihnen schaffen kannst.
Aufbau eines Drehbuchs (Formatierung)
So und jetzt zum Herzstück. Drehbücher folgen einem weltweiten Standard, um die Zusammenarbeit zu vereinheitlichen (der sog. Hollywood-Standard). Dank der einheitlichen Formatierung in Courier 12 gilt als Faustregel, eine Drehbuchseite entspricht einer Minute Filmzeit. Auch im Werbefilm praktisch, um Zeit- und Kostenaufwand einzuplanen. Aufgebaut ist das Drehbuch folgendermaßen:
Szenenüberschriften:
Sie beschreiben den Ort und die Tageszeit der Szene in Großbuchstaben.
Handlungsbeschreibung:
Ein Abschnitt der die aktuelle Handlung bildhaft erklärt, etwa wo sich Charaktere im Raum befinden, wie sie sich verhalten, welchen Gemütszustand sie haben, welche Körperhaltung sie einnehmen, wie sie mit der Umwelt interagieren, welche Objekte zu erkennen sind, welche Grundstimmung vorherrscht usw.
Charaktere und Dialoge:
Der Name des handelnden Charakters wird mittig in Großbuchstaben geschrieben, gesprochener Text wird als eingerückter Block und mit einer Freizeile oben und unten vom restlichen Text abgetrennt. Spielanweisungen wie Gefühle (genervt) oder Tätigkeiten (sitzend), aber auch Pausen (Pause) oder Fremdsprachen (auf schwedisch) verdeutlichen als Einschübe die aktive Handlung und werden in Klammern entweder hinter dem Namen des Charakters oder im Dialog platziert.
Zusatz: Übergänge
Unüblich, aber manchmal erwünscht ist die Benennung von Übergängen, die bei der Postproduktion die Richtung vorgeben, bzw. die ein Gefühl für die Dauer und Länge einer Szene vermitteln:
Zusammenfassend verbindet ein gutes Drehbuch Kreativität und Struktur mit Machbarkeit. Im Werbefilm oder der Industrie gibt besonders die Wirtschaftlichkeit den Rahmen vor, die Dramaturgie kümmert sich dann um den Rest der Magie. Aufeinander abgestimmt schaffst Du damit eine überzeugende Geschichte für Dich und Deine Projektpartner. Probier es aus!
Ein Beispiel wie ein fertiges Drehbuch aussehen kann findest Du hier:
